© VBK, Wien 2011
1951 begann Chagall in der Provence Keramikgefässe zu bemalen. Für seine erste bemalte Vase – sie stellt Elias’ Himmelswagen dar – wählte er eine in der Gegend häufig vorkommende bauchige Vasenform. Die künstlerische Herausforderung bestand in diesem Fall wohl vor allem darin, eine kommerziell gefertigte Tonware künstlerisch zu veredeln. Schon bald muss Chagall jedoch den Wunsch verspürt haben, auch die tönernen Bildträger mit den eigenen Händen zu formen, um seinen künstlerischen Vorstellungen noch mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu erschliessen. Wichtigstes Kriterium sollte jetzt nicht mehr die Brauchbarkeit sein, sondern allein die ästhetische Erscheinung. Gelegentlich ging Chagalls gestalterische Freiheit sogar so weit, dass die Gefässe fast wie bemalte Skulpturen aussehen.
Zwei sehr eindrucksvolle Beispiele dieses eigenwilligen spielerischen Umgangs mit selber geformter und bemalter Keramik sind die 1957 entstandene Vase Les fiancés und das Gefäss La vision aus dem Jahr 1962, die beide zur Sammlung Batliner gehören. Hier noch von Vasen zu sprechen, fällt schwer. Beide Objekte weisen so freie und komplizierte Formen auf, dass an deren künstlerischer Autorschaft nicht zu zweifeln ist. Und wie meisterhaft ist nun die farbige Bemalung auf die Gefässformen bezogen!
Das Gefäss Les fiancés weist eine höchst ungewöhnliche plastische Form auf. Zwei verschieden grosse Hohlkörper, von denen der eine einen jungen Mann, der andere eine junge Frau darstellt, sind so übereinander gelegt, dass der Eindruck entsteht, das verliebte Paar drehe sich im Walzertakt. Gewisse zeichnerische Details legen die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Darstellung um eine Episode aus Ovids Metamorphosen handelt. Wie dies einst der Nymphe Daphne widerfahren sein soll, als sie vom Gott Apoll berührt wurde, scheint sich die Hand der jungen Frau in einen Ast zu verwandeln.



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