Obwohl Ljubow Popowa bereits mit 35 Jahren an einer Scharlachinfektion starb, zählt sie zu den profiliertesten Künstlerinnen und beeindruckenden Persönlichkeiten der russischen Avantgarde. Die Entwicklung ihres Oeuvres ist typisch für die Geschichte der jungen russischen Kunst vor und nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917. Aus postimpressionistischem Schlummer erwacht, folgte in enger Auseinandersetzung mit westlicher Kunst, besonders mit dem Kubismus und Futurismus, der Versuch, eine eigene künstlerische Position aus diesen Stilen zu synthetisieren. Das Ergebnis hieß "Kubo-Futurismus", eine Stilrichtung, die 1915 durch die völlig gegenstandslos gedachte Malerei des Suprematismus überwunden werden sollte. Um der unbeugsamen politischen Forderung der Revolutionszeit nach Nützlichkeit zu genügen, wurden die erworbenen künstlerischen Kenntnisse auf die Praxis übertragen. Popowa gab 1922 das Malen ganz auf, begann für das Theater zu arbeiten und entwarf in ihrem letzten Lebensjahr als Designerin sehr erfolgreich Stoffmuster für eine Textilfabrik.
Das Bild Stillleben mit Gitarre entstand vermutlich zu Anfang des Ersten Weltkriegs in Moskau. Es ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass Popowa versuchte, Kubismus und Futurismus, die sie beide während ihres Aufenthaltes in Paris 1912/13 kennengelernt und studiert hatte, "kubo- futuristisch" zu verbinden. Wie Picasso, Braque oder Gris beschäftigte sich auch Popowa intensiv mit dem Genre des Stilllebens. Kubistisch ist auch die fragmentierende Analyse des Gegenstandes einer auf einem Tisch liegenden Gitarre. Die Verwendung von Schriftbruchstücken, wie PAI, PFENS und DEN, die unmittelbar keinen Sinn erkennen lassen, verweist auf Kenntnisse der Collage des synthetischen Kubismus. Die 'Nature morte' verwandelte Popowa in eine 'Nature vivante', indem sie dem Stillleben futuristische Elemente wie Zeit und Bewegung hinzufügte. Die augenfällige Anordnung der Schriftzeichen um das Schalloch der Gitarre legt diesen Gedanken nahe. Könnten die eigentlich sinnlosen Aufschriften nicht lautmalerisch verstanden werden und den Ton einzeln gezupfter Saiten bedeuten?



Bild Zoom
Webclip