Der, wie Vincent van Gogh, viel zu früh verstorbene Georges Seurat versuchte den Impressionismus auf eine neue Grundlage zu stellen, indem er seine Kunst auf wissenschaftliche Farbtheorien, besonders auf das Gesetz des Simultankontrastes abstellte. Seine ungewöhnliche Art der Malerei wurde bald Divisionismus oder auch, etwas abschätzig, Pointillismus genannt. Von der Ausstellung seines Bildes Un dimanche à la Grande Jatte (Chicago, Institute of Art) in Brüssel im Jahr 1887 bei der Gruppe 'Les XX' begeistert, folgte der aus Gent stammende Theo van Rysselberghe ihm als Bewunderer sehr bald nach Paris. Wie andere Maler, die sich um den etwas fanatischen Seurat geschart hatten, versuchte Rysselberghe, dessen Methode auch auf andere Bildgattungen als die der Landschaft anzuwenden. Zusammen mit Dubois-Pillet übertrug er den Divisionismus auf die Portraitmalerei. Natürlich war Rysselberghe auch bestrebt, die Methode selbst weiter zu entwickeln und zu verfeinern. Dabei stieß er auf die Idee, die Farbstriche oder "touches divisées'' (Signac) in verschiedenen Größen miteinander zu kombinieren.
Das Sujet auf Nu assis von 1905 ist eine jugendliche Frau, von der Seite gesehen, die auf einer schattigen Sommerwiese lagert und versucht, selbstvergessen ihre langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden. Rysselberghe erweist sich als orthodoxer Divisionist. Vermieden wird eine Umrisszeichnung, das ganze Bild wird aus gerichteten Farbflecken zusammengesetzt. Sind die Tupfen der Wiese horizontal, so orientieren sich diejenigen des Aktes am Verlauf der Körperoberfläche. Die Basisfarben sind Blau und Weiß: Blau wird mit Rot zu Violett, mit Gelb zu Grün gemischt mit Weiß werden die Tupfen in ihrer Intensität abgestuft. Reines Rot wird gemieden. Komplementäre Kontraste wie Blau-Orange und Gelb-Violett werden gesucht. Die Intensität der Farbflecken ist in der Malerei der Wiese stärker. Seitlich des Frauenoberkörpers erscheinen kräftig Blau, Gelb und Grün, während das Inkarnat der Frau auf zart pastellartigen Violett basiert, in welches hinein an der Hüfte grüne oder an der Schulter blaue und orange Flecken gemalt werden. Sicherlich ist es nicht falsch, wenn man behauptet, dass für Rysselberghe das Motiv in den Hintergrund trat und in den Dienst einer Farbtheorie genommen wurde. Seiner Verehrung für den älteren Freund Henri Edmund Cross, der ihm auch Vorbild war, verlieh Rysselberghe in der Widmung Ausdruck.



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